Neulich beim Einkaufen: Vor mir in der Schlange legte eine Frau ihre Waren auf’s Band. Unter anderem eine Tüte mit geraspelten Karotten. Gedanken wie: „Wie kann man nur Karotten fertig geschält und geraspelt in der Plastiktüte kaufen? Wo ist da das Umweltbewusstsein?“ schossen mir in den Kopf. Als sie dann auch keinen Trennungsstab hinter ihre Waren legte und ich über das Band gebeugt danach hangelte, war mein vernichtendes Urteil gefällt: Die Frau ist faul und schert sich nicht um andere. Da gab es nichts dran zu rütteln. Oder doch?
Zuhause angekommen ging mir die Geschichte noch mal durch den Kopf. Konnte ich sicher sein, dass ich richtig geurteilt hatte? Könnte es vielleicht Gründe für ihr Verhalten geben, die mit Faulheit nichts zu tun haben? Könnte ich mich geirrt haben? Und wären meine Gedanken in einem anderen Moment gnädiger ausgefallen?
Vielleicht war sie an dem Morgen in Gedanken, weil etwas Wichtigeres als der Einkauf im Supermarkt ihre Aufmerksamkeit beanspruchte. Machte sie sich vielleicht Sorgen um irgendetwas? Oder hatte sie einfach schlecht geschlafen und war dadurch am Morgen unkonzentriert? Hatte sie vielleicht Schmerzen in der Hand und wollte sie lieber schonen, statt krampfhaft Karotten zu schälen und kleinzuschnippeln? Oder war ihr die Hitze heute zu viel, so dass sie einfach mal Fünfe grade sein lassen wollte?
Ich weiß es nicht. Und wie oft wissen wir nichts über den anderen und urteilen dennoch? Es würde die selbe Zeit kosten, etwas Gutes zu unterstellen, wohlwollend und wertschätzend zu sein. Oder zumindest dem anderen zuzugestehen, dass er sich anders verhält, als wir es erwartet haben. Denn für unsere Erwartung kann der andere nichts. Er kennt sie meist nicht einmal. Und selbst wenn, warum sollte er sich daran orientieren?
Und wenn ich ehrlich bin, war ich selbst auch von der Hitze genervt. Dafür konnte diese Frau nichts. Zehn Grad weniger und mein Ersturteil wäre mäßiger ausgefallen, denn letztendlich sagte mein Urteil mehr über mein Wohlbefinden beim Einkaufen aus, als über die Karottenkäuferin.
Leben und leben lassen. Ist gar nicht so schwer. Man muss sich nur ab und zu bewusst machen, was gerade in einem selbst abläuft, wenn man im Eilverfahren ein Urteil fällt.
Und wenn ich sie beim Einkaufen mal wieder sehe, dann lächle ich sie an. Einfach so, weil sie ein Mensch ist und ich auch. Mehr braucht es nicht.
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