Vor meinem Fenster wächst ein Kirschbaum. Nichts Besonderes, eine ganz normale Sorte. Mal mit, mal ohne Blattläuse, mal mehr, mal weniger Kirschen dran. Eben ein Kirschbaum wie alle anderen Kirschbäume auch. Allerdings teilt sich der Hauptstamm ab einer bestimmten Höhe in zwei gleich dicke Stämme auf. Im Spätherbst, wenn er alle Blätter abgeworfen hat, sieht er aus wie ein übergroßes Y.

In Baumschulen rät man in solchen Fällen, einen der beiden stark entwickelten Äste zu entfernen oder umzuleiten. Hätte ich das getan, dann sähe mein Baum heute aus, wie ein Kirschbaum auszusehen hat. So wie die Norm ihn vorsieht. Eine Norm, die wir Menschen vorgeben, nicht die Natur.

Neulich traf ich auf zwei Linkshänderinnen. Sie erzählten davon, wie sie in Kindertagen auf die rechte Hand umgeschult wurden. Und ich musste unwillkürlich an meinen Kirschbaum denken. Man hatte diese beiden Frauen der Norm angepasst. Weil „man“ mit der rechten Hand schreibt. Und ich frage mich, wer dieser „man“ eigentlich ist und warum alle so sein müssen? Und wem ist damit gedient?

Wäre es nicht viel schöner, die anderen so sein zu lassen, wie sie sind? Ihre Eigenarten einfach unbewertet zu lassen? Sie anzunehmen und nicht das eigene Sein zur allgemeingültigen Norm hochzustilisieren?

Es entspannt ungemein, denn im Umkehrschluss gilt, dass auch Sie so sein dürfen, wie Sie sind. Das fängt schon im Kleinen an: Sie wollen mit sechzig noch einen langen Zopf tragen? Tun Sie’s! Mit fünfzig noch den Motorradführerschein machen? Klar! Sie möchten in einem runden Haus wohnen? Warum eigentlich nicht.

Und ganz ehrlich? All das geht auch niemanden etwas an, außer Sie selbst. Sehen Sie sich in Ihrer ganzen Einzigartigkeit. Und gestehen Sie das auch Ihrem Nachbarn, dem Lehrer Ihrer Kinder und vor allem den Menschen zu, die Ihnen ganz besonders nahe stehen. Dann ist es auch ok für Sie, wenn Ihre Bekannte aus Überzeugung die Religion wechselt, die Freundin Ihrer Tochter sich ein Tattoo quer über die Nase stechen lässt oder ihr Neffe eine gleichgeschlechtliche Ehe eingeht.

Einzigartigkeit macht uns erkennbar, mit all unseren Facetten. Sie zeichnet uns aus, als den wunderbaren Menschen, der wir in Wirklichkeit sind. Also seien Sie einzig, nicht artig.

Denn das Leben ist bunt. Sieht auch besser aus als grau in grau.