„Der neue Kollege kriegt echt nix auf die Reihe. Kein Wunder, guck mal wie der schon aussieht.“

„Die von nebenan sind richtig asozial. Und ihre Kinder kriegen sie auch nicht erzogen“

„Klar, dass die nichts kapiert, so blondiert wie die ist.“

Kennen Sie solche Sätze auch? Entweder von anderen ausgesprochen oder selber gedacht und losgelassen? Ist menschlich, wie so Vieles.

Aber warum tun wir das? Warum werten wir andere ab und das auch noch ganz oft im Eilverfahren? Was hält uns dazu an, andere Menschen -meist ohne sie und ihr Leben zu kennen- in irgendwelche Negativschubladen zu stecken, aus denen wir sie nie mehr rausnehmen werden?

Da werden Menschen degradiert, weil sie eine andere Haar- oder Hautfarbe haben oder irgendetwas anderes an ihrer Optik uns nicht gefällt. Weil sie einem Berufsbild nachgehen, das wir, aus welchem Grund auch immer, verachten. Weil sie andere Musik hören als wir, weil wir sie wie selbstverständlich für dümmer halten als uns selbst oder weil sie anderweitig mit ihrem Verhalten nicht unseren Erwartungen entsprechen. Denn genau das ist ihr „Vergehen“, was uns im Eilverfahren aburteilen lässt.

Doch sind wir mal ehrlich: Mit Überlegenheit hat das nichts zu tun. Vielmehr ist es unserem Wunsch geschuldet, größer oder großartiger zu sein, als andere. Und wie leicht ist es, groß zu erscheinen, indem man jemand anderen kleiner dastehen lässt. Da müssen Sie nicht mal etwas leisten und gewinnen trotzdem.

Alles andere wäre auch anstrengender. Und würde vielleicht auch nicht immer gelingen. Abwertung des anderen zur Aufwertung des eigenen Selbst.

Aber wollen wir das auch für uns selbst? Wollen wir abgewertet werden, damit jemand anderes sich uns gegenüber erhaben fühlen kann? Wohl kaum.

Immanuel Kant hat es in seinem Begriff des Kategorischen Imperativs so ausgedrückt:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Oder wie es im Volksmund heißt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“
Denn wir wissen nicht, was den anderen zu dem Menschen gemacht hat, der er ist. Und ob wir unter seinen Rahmenbedingungen anders geworden wären. Und vielleicht ist er ja viel besser, als wir vermuten. Was weiß man schon.

Vielleicht denken Sie ja beim nächsten Mal daran, wenn Ihnen selbst auffällt, dass Sie jemanden abwerten wollen. Oder nicken abwertende Äußerungen Ihrer Mitmenschen nicht einfach ab, sondern sprechen sie darauf an. Könnte sein, dass Sie hinterher stolz auf sich sind.